05.11.2009

"Kreuzfeuer", Teil 4

Leitwolf an Wolfsrudel, sammelt euch an folgenden Koordinaten!" Carmen würgte den bitteren Beigeschmack herunter, als sie das Rückzugssignal sendete. Die Nadelstiche, die ihr Geschwader im Schutz der Schattenfelder unternommen hatte, waren nur mäßig erfolgreich gewesen. Zwar war es den Wölfen gelungen, sieben Großkampfschiffe der Asiaten zu zerstören, oder zumindest so schwer zu beschädigen, dass sie keine direkte Gefahr mehr darstellten, aber den Großteil der feindlichen Flotte und ein beängstigende Anzahl von Zecken hatten sie nicht aufhalten können. Inzwischen waren alle Torpedos, über die die Fenrir verfügten, aufgebraucht und der Einsatz der Schattenfelder brachte keine strategischen Vorteile mehr. Darüber hinaus hatte ihr Geschwader bisher zwei Totalverluste zu beklagen. Wolf 7 war mit einem Trümmerstück eines auseinander brechenden, asiatischen leichten Kreuzers kollidiert und Wolf 12 hatten die Abwehrgeschütze des Amur zerrissen. Der Feind erdrückte sie förmlich und auch der stetige Strom von Jägern, die die BISMARCK inzwischen nach und nach in die Schlacht warf, brachte keine merkliche Besserung. Sie standen mit dem Rücken zur Wand. Auch die Koalition hatte inzwischen Verstärkung erhalten. Mehrere Geschwader schwerer Jäger waren vom Mars aufgestiegen und drängen ihre Piloten in die Defensive. Den Bombern gelang nur noch vereinzelt der Abschuss einer feindlichen Zecke. Sie fluchte, als einer der Wyvern im konzentrierten Feuer von zwei schweren asiatischen Taifun-Jägern auseinanderbrach. Langsam gingen ihnen die Optionen aus. Mit einem zornigen Aufschrei wich sie den Trümmern des zerstörten Bombers aus und brachte den Fenrir in Angriffsposition. Ihr Bordschütze, Horst "Grimm" Wolfhart reagierte umgehend. Fast augenblicklich lösten sich die zwei verbliebenen Raketen von ihren Halterungen und jagten auf die feindlichen Maschinen zu. Mit Genugtuung beobachtete Carmen die Explosionen, als jedes der Geschosse sein Ziel traf. Es waren Wirkungstreffer. Keiner der asiatischen Piloten hatte auch nur den Hauch einer Chance, sich mit dem Schleudersitz zu retten. Ihr Ende war kuz und unspektakulär. Der wenige Sauerstoff in den Schiffen verhinderte ein Feuerwerk, wie man es aus den Propagandasendungen kannte. Die Realität, oder besser die Physik, der das Ganze hier draußen zu Grunde lag, war da eher langweilig anzuschauen.
"Yeah! Double Kill" Die Stimme ihres Waffenoffiziers klang unbeschwert und schaffte es auch ihre Laune etwas zu bessern.
"Guter Schuss, Grimm! Wieder zwei Punkte auf dem Weg in die "Hall of Fame"."
"Dein Wort in des Imperators Gehörgang, Chefin."
Sie schmunzelte. Wenn sie das hier überlebten, müsste sie mit dem jungen Deutschen dringend ein paar Worte über Autorität in Verbindung mit offenen Gefechtskanälen wechseln.
Sie brachte den Jäger wieder auf Kurs und manövrierte sich gekonnt durch eine Kampfzone, in der zwei Wyvern mit ihren Lasern eine anfliegende Zecke ins Kreuzfeuer nahmen. Mehrere Jäger der Koalition versuchten sie zu behindern, aber die Geschütztürme der Bomber und ein paar von Aurelis Rittern hielten ihnen den Rücken frei. Wie zwei violette Finger tasteten sich die Strahlen auf das feindliche Enterschiff zu und schnitten sich durch seine Hülle. Dann hatte Wolf 1 die Kampfzone verlassen, aber Carmen konnte sicher sein, dass diese Zecke nie auf der BISMARCK ankommen würde.  Sie presste die Lippen aufeinander, als der neuste Gefechtsbericht von der THRESHOLD übermittelt wurde. Die Daten, so ungenau und wage wie sie auch waren, sahen nicht gut für das Imperium aus. Inzwischen waren die Jäger der BISMARCK mehr als 4:1 in der Unterzahl und selbst die überlegene Technologie der Fenrir und Wyvern konnte das Blatt nicht wenden. Die Sensoren des Sturmtransporters waren mit der ihnen zugetrauten Aufgabe überlastet. Sie benötigten schnellstmöglich eine leitungsfähigere Leitstelle. Wenn nicht bald ein Wunder geschah, würden sie sonst hier draußen zerrieben und die BISMARCK von den Truppen der Koalition überrannt werden. Langsam ging den Bombern die Munition aus und der Strom an Enterschiffen nahm einfach nicht ab. Sie blickte grimmig auf die Quelle der Invasionstruppen, die auf dem Taktischen Display als Primärziel hervorgehoben war und knirschte mit den Zähnen. Dieser Kreuzer der Amur-Klasse war verdammt zäh, denn obwohl er schon Ziel mehrerer Torpedos geworden war, feuerte er Welle um Welle dieser verhassten Entergeschosse in Richtung BISMARCK.
Ein Knacken im Bordfunk ließ dieses Ärgernis augenblicklich vergessen.
"Hallo? Ähm hier Oppenstadler von der STERNENHIMMEL. Test, Test, Test. Kann mich da draußen jemand hören?" Was machte ein Zivilist auf den Frequenzen, die eigentlich den Jägern der BISMACK vorbehalten waren?
"Oppenstadler , hier Wolf 1. Was hat das zu bedeuten? Erklären sie sich!" Carmens Stimme klang überrascht, doch sie versuchte ihre Verblüffung zu verbergen, indem sie etwas mehr Autorität in ihre Worte legte, als sie es für gewöhnlich tat.
Ihr Gegenüber ignorierte den barschen Tonfall und ging nicht auf ihre Frage ein.
"Gut, das Relais funktioniert. Ich schalte Sie an ihre Jungs von der taktischen Leitzentrale weiter. Viel Glück weiterhin und haltet uns die Kybernetischen vom Hals so gut es geht." Ein Klicken gefolgt von einem Rauschen und dann füllten sich ihre taktischen Anzeigen mit detaillierten Informationen. Das verschwommene Bild der Schlacht wurde deutlich und ein bedrückendes Gefühl machte sich in Carmen breit. Wenn sie das hier überstehen wollten, würden Sie mehr als nur ein Wunder benötigen.
"Na endlich!", meldete sich Ihr Waffenoffizier zu Wort. "Wurde aber auch Zeit, dass sie die taktische Koordination zum Laufen bringen. Ich schalte eine Verbindung zur Leitzentrale."
Carmen zögerte keinen Augenblick und begann zu sprechen.
"Leitwolf an BISMARCK, wie ist die Situation an Bord?" Ihr Ruf blieb für einige Sekunden unbeantwortet, doch dann erklang, überlagert von Interferenzen, die Stimme das Kapitäns aus dem Empfänger 
"Es tut gut, deine Stimme zu hören, Becks. Wir schlagen uns recht gut. Ich habe die Besatzung der Sternenhimmel in die Schiffsverteidigung eingebunden, leider sind die meisten primären Schiffssysteme noch immer offline."
"Verstehe, Sir! Wir halten die feindlichen Jäger so gut es geht von der "Dicken Dame" fern."
"Negativ, Leitwolf! Ich habe der THRESHOLD gerade befohlen zurückzukehren. Das Gleiche gilt auch für das Wolfsrudel."
"Zurück? Aber..."
"Kein aber Commander. Löst Euch vom Feind und landet auf der BISMARCK. Commander Aurelis wir während deiner Abwesenheit das Kommando über die Jäger führen. Sobald ihr an Bord seid, werden eure Jäger neu bewaffnet. Ich habe einen Spezialauftrag für das Wolfsrudel. Details folgen. Müller, Ende!"
Carmen fluchte innerlich. Es passte ihr nicht, ihre Piloten hier draußen, in dieser aussichtslosen Lage, allein zu lassen. Sie hoffte inständig, dass ihr Ex wusste, was er tat. Mit kurzen Worten informierte Carmen die verbleibenden neun Jäger des Geschwaders und richtete dann ihren Fenrir auf den Leitstrahl der BISMARCK aus. Während sich das Wolfsrudel und der Sturmtransporter dem umlagerten Mutterschiff näherten, tobte hinter ihnen die verlustreiche Schlacht weiter. Das Hautschott zum Einflugbereich des primären Hangars der BISMARCK stand offen und erinnerte Carmen an ein riesiges Maul. Mit ruhiger Hand lenkte sie ihren Jäger in die gigantische Öffnung und flog auf die von der Flugkontrolle zugewiesene sekundäre Zugangsschleuse zu, die den eigentlichen Hangar vor der Kälte des Vakuums schützte. Ein Ruck ging durch den Fenrir, als die magnetischen Bremsfelder den Jäger zum Stehen brachten und ihn auf einen bereitstehenden Transportschlitten bewegten. Dichtauf folgten die THRESHOLD und die anderen Maschinen des Wolfsrudels. Die Schleuse begann sich gerade zu schließen, als der Annäherungsalarm aufheulte. Sechs Geschosse jagten mit halsbrecherischer Geschwindigkeit heran. Carmen unterdrückte einen Aufschrei und schloss in Erwartung einer Explosion die Augen. Sekunden verstrichen, doch nichts passierte. Sie öffnete ihre Lieder und registrierte, dass sich die Einflugschleuse geschlossen hatte.
"Was war das?", fragte sie, an Grimm gewandt.
Ihr Waffenoffizier überflog die wenigen Daten, die der Fenrir aufgezeichnet hatte und bestätigte laut fluchend Carmes Befürchtung. "Oh Verdammter Dreck! Das waren Zecken!"
Sie reagierte augenblicklich, schaltete ihren Sender auf Überrang und klinkte sich in den primären Gefechtskanal ein.
"Achtung BISMARCK, mehrere Zecken haben sich am Hauptschott des Hangars festgesetzt, Eindringen feindlicher Truppen in diesem Bereich steht unmittelbar bevor."
"Bestätigt Wolf 1!", erklang die feste Stimme einer Frau, die Carmen nicht zuordnen konnte. "Wir sind darauf vorbereitet."
In dem Moment war sie froh, dass Major Bauers ein Kontingent an H.A.S. im Hangar stationiert hatte.
Das Bild, das sich ihr bot, als sich der Zugangsschleuse öffnete, übertraf jedoch alle ihre Erwartungen. Carmen blickte auf ein Gewirr von Soldaten und Schiffen, die sich im vorderen Bereich des Hangars gesammelt hatten. Der hintere Bereich war noch immer durch die Quarantäneblenden verschlossen. Sie sah gut zwei Dutzend Sturmtransporter und mehrere hundert Infanteristen. Dazwischen stachen mehrere Gruppen H.A.S. in schweren Grendel Kampfanzügen hervor. Der vordere Bereich wurde von transportablen Flechett-Geschützen gesichert, im Hintergrund standen die größeren Schiffe, BEAU DE ROCHAS, GOOD HOPE und STERNENHIMMEL, angeordnet wie ein metallener Schutzwall. Diese Schiffe konnten zwar nicht aktiv in die Schiffsverteidigung eingreifen, stellten aber eine effektive Barriere und Deckung für die Soldaten dar.

Während ihre Jäger auf den Transportschlitten in den Hangarbereich rollten, blickte sich Carmen zum Hauptschott um. Nur Augenblicke später brachen die Zecken durch die Meter dicke Imperidpanzerung. Im selben Moment eröffneten die Geschütze zusammen mit den H.A.S. das Feuer. Die schweren, gepanzerten Exoskelette vom Typ Grendel waren im Grunde mobile Waffenplattformen für den Feldeinsatz und ersetzten die Fahrzeuge auf Seiten des Imperiums. Ihre variable Bewaffnung erstreckte sich von schweren Sturmgeschützen, MGs, Gattling-Flechetten,  leichten Massebeschleunigern und Mörsern bis hin zu Mikroraketenwerfern. Für den Verteidigungseinsatz innerhalb von Raumschiffen waren diese "Mikropanzer" auf Grunde ihres zerstörerischen Potentials eigentlich ungeeignet. Der Verantwortliche hier war sich zweifellos dessen bewusst, den Carmen registrierte, dass die Bewaffnung jedes Kampfanzugs ausschließlich aus jeweils zwei Gattling-Flechetten bestand. Der Hagel aus Imperid-Pfeilen mähte mehrere Dutzend Sais nieder, noch bevor diese die Enterkapseln verlassen konnten. Ein Ogrin wankte unter dem konzentrierten Feuer. Tödlich getroffen feuerte er wild ums sich. Einige imperiale Soldaten gingen in dem Trommelfeuer seiner Sturmkanone zu Boden. Dann tauchten mehrere Metallkolosse aus den Enterkapseln auf, in deren Deckung sich die Asiaten sammelten. Der Pfeilhagel prallte wirkungslos von der Massivpanzerung der feindlichen Kampfanzüge ab. Diese gepanzerten Giganten erwiderten darauf das Feuer. Die Waffenwirkung der feindlichen Geschütze war verheerend. Im Gegensatz zu den eigenen Truppen scherten sich die Asiaten nicht um das Wohl der BISMARCK und setzten schwerste Waffen ein. Einer der Grendel wurde von einem Explosivgeschoss getroffen, mehrere Meter durch die Luft geschleudert und krachte direkt in eine Gruppe Soldaten. Wenn nicht bald etwas geschah, würden diese 12 Dinger da draußen den kompletten Hangar befrieden. Carmen verwünschte  den Tag, als die verrückten Asiaten auf die Idee gekommen waren, ihre Truppen in lebende Maschinen zu verwandeln. Entschlossen aktivierte sie die Triebwerke und Waffen ihres Fenrir.
"Carmen? Das ist keine gute Idee!"
"Für die Akten, Grimm. Ich weiß was ich tue.", erwiderte sie entschlossen.
"Wie du meinst, Chefin. Übergebe Feuerkontrolle an Piloten. Massebeschleuniger einsatzbereit."
Der Jäger bockte, als er sich vom Wartungsschlitten los riss und langsam aufstieg. Ein Hangarttechniker rannte wild winkend auf sie zu, warf sich aber zu Boden, als neben ihm ein Aggregat unter dem Waffenfeuer der Asiaten explodierte. Der Fenrir schwebte jetzt keine zwei Meter über dem Rollfeld und Carmen war sich bewusst, dass der kleinste Fehler dutzende Menschen das Leben kosten würde. Sie hatte nur Augenblicke, bevor der Feind auf Ihre Aktion reagieren würde. Carmen gab kurz Energie auf die Manövrierdüsen und drehte die Nase von Wolf 1 in Richtung des Hangarschotts. Mit einem grimmigen Lächeln registrierte sie die Bestätigung der automatischen Zielerfassung und betätigte den Auslöser. Kurze gezielte Feuerstöße fegten durch die feindlichen Kampfmaschinen. Einem der Kolosse wurde der Kopf abgerissen, aber er feuerte noch mehrere Sekunden weiter, bevor er schließlich umkippte. Die Massebeschleuniger des Fenrir säten Tod und verderben unter den Asiaten, besaßen jedoch nicht genug Durchschlagskraft, um die Meter dicke Imperid-Panzerung des Schotts zu durchdringen. Als Carmen den Finger vom Abzug nahm war kein einziger der feindlichen Soldaten mehr als solcher zu erkennen. Die kinetische Energie der Geschosse hatte sie förmlich zerrissen.
"Immer hast du den Spaß Chefin, aber wenn ich mir so die Dellen im Hangarschott anschaue, dann möchte ich nicht mit dir tauschen. MacFaden wird dir dafür den Kopf abreißen."
"Grimm, wenn wir das hier überleben, dann wird Angus MacFaden mir dafür die Füße küssen, dass ich seinen Kahn aus dem Dreck gezogen habe."
Ich Waffenoffizier lachte "Wir werden sehen."
"Wir werden sehen." wiederholte Carmen den Satz und seufzte.
Sie beendete den Schwebeflug des Jägers und setzte Wolf 1 sanft auf dem Rollfeld ab. Ein Soldat kam gestikulierend auf sie zugelaufen. Carmen öffnete das Cockpit und registrierte, dass der Mann aus einem Ohr blutete. Der Lärm ihres Geschützfeuers musste unerträglich gewesen sein, den die Geschosse ihres Fenrir erreichten selbst in der Hangaratmosphäre mehrfache Schallgeschwindigkeit.
Der Soldat im Rang eines Leutnant salutierte.
"Commander Beck, das war Rettung in letzter Sekunde. Danke Ma'am!"
Sie nickte ihm aufmunternd zu. "Selbst wir Jäger-Jockeys sind manchmal zu was zu gebrauchen. Wer hat hier die Verantwortung, Leutnant?"
Der Mann lächelte angesichts des ewig andauernden Wettstreits zwischen Piloten und Bodentruppen, den Carmen hier anschnitt. "General Bonetti hat den Oberbefehl. Wenn sie mir bitte folgen würden."
Carmen stutzte. Was für eine Operation würde das immense Truppenaufgebot im Hangar benötigen, oder war der General einfach nur vorsichtig? Was hatten Bonetti und der Kap ausgeklügelt, um die Situation zu entschärfen? Sie schwang sich aus dem Cockpit und ließ sich von dem Leutnat zu General Claire Bonetti führen.
BISMARCK hin oder her, auf alle Fälle würde sie sich dafür stark machen, dass an die Soldaten schwere Waffen ausgegeben wurden. Sonst waren ihre Chancen gegen diese Blechkisten gleich Null.
Bei Zeitmarker 00:26:44 wurde das Wolfsrudel über Operation Antikörper informiert und bekam seinen neuen Auftrag.